Robin Knaak - Biographie

Rückwarts in die Achterbahn. Auf der Suche nach dem nächsten Kick. Es geht steil bergauf, du weißt was gleich passiert und trotzdem überrascht dich der Drop. Freier Fall, danach durchs Wasser, scharfe Kurven, schöne Aussicht – die Sonnenbrille sitzt trotz Looping. Bei Robins Musik weiß man nie, was als nächstes kommt: Deep House, Tropical mit Pop und Dance Hall Elementen – immer dabei organische Sounds wie die japanische Koto, Glockenspiel, Saxophon, Gitarre, Flöte, Klavier oder die afrikanische Kalimba. Robin liebt als DJ und Producer die Abwechslung und ist immer auf der Suche nach neuen Sounds.

 

„Metallica sind Schuld. Wegen denen wollte ich unbedingt E-Gitarre spielen.“

 

Mit 8 Jahren stand bei ihm die E-Gitarre ganz oben auf seinem Wunschzettel. „Ich weiß noch wie ich damals an Heilig Abend die Geschenke unterm Baum gesehen hab und so sehr gehofft habe, dass das wirklich die Gitarre ist, die ich mir gewünscht hab. Ich muss dazusagen, meine Mum hat uns gerne mal verarscht, in dem sie Geschenke in größere Verpackungen gesteckt hat. Das war natürlich immer lustig. Das witzige ist, ich mach das inzwischen auch so.“

Robin wollte schon damals was Außergewöhnliches, nicht die klassische Gitarre fürs Lagerfeuer. „Das war nicht so meins. Ich fand den Sound von der E-Gitarre cooler – die hat mehr Facetten und da kann ich mehr variieren.“ So hat er sich mit 8 Jahren E-Gitarre selbst beigebracht und so lange geübt, bis er mit Nothing else matters die Mädels beeindrucken konnte.

Das lief so gut, dass er ein paar Jahre später im großen Osnabrücker Club Alando Palais mit seiner Schülerband performte. „Da hatte ich echt Glück, denn ich durfte ein Jahr früher als erlaubt, bei der Band mitmachen. In dieser krassen Location zu spielen war auf jeden Fall ein sehr, sehr cooles Erlebnis!“ Und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Robin hier auf der Bühne steht…

 

„Ich find die Mischung aus Urban und Dance mega“

 

Als Memories von David Guetta rauskommt, öffnet sich für Robin eine ganz neue musikalische Welt. „Ich find die Mischung aus Urban und Dance mega und wollte den Track direkt nachbauen.“ Gerade mal 13 Jahre war Robin da und ein Freund zeigt ihm genau im richtigen Moment eine Software, mit der er bis heute noch arbeitet und seine Songs produziert. „Seit ich mit dem Programm arbeite, ist mein Schlafrythmus total gefickt.“ Ein Keyboard gabs damals gratis dazu und so bringt sich Robin wieder einmal selbst ein bisschen Klavier bei.

Nach zwei Tagen hat er es raus, Memories steht – klingt zwar grottig, aber das Gerüst stimmt. „Den hab ich sogar noch irgendwo auf meinen Festplatten rumliegen, ganz versteckt, dass ihn hoffentlich keiner findet.“ Damals war das aber ein echtes Erfolgserlebnis für Robin – das erste Mal hat er es geschafft einen Track – nur vom Hören – nach zu produzieren.

 

Robin reicht das aber nicht, er will lieber eigene Sachen machen. Durch das Nachbauen, versteht er, wie Hits aufgebaut sind und warum entsprechende Elemente funktionieren und andere nicht. Dieses Wissen hat er auf seine eigene Musik übertragen – das war der Startschuss fürs Experimentieren. Seine ersten Songs werden auf YouTube hochgeladen und Robin feilt an seinem eigenen Sound. Das Prinzip „alles gleich rausballern“ ändert sich zu „erst denken – dann rausballern“.

 

Mit 16 Jahren legt er zum ersten Mal in einem der größten und angesagtesten Clubs der Region auf. Das war die Zeit, „in der sich alle um mich herum nach nem sicheren Beruf umgeschaut haben, während ich am Wochenende bis spät in die Nacht aufgelegt hab.“ Montags 5:30 Uhr hat dann wieder der Wecker geklingelt. „Das war Horror!“

Während sich seine Freunde zum Fußball verabreden oder unterwegs sind, sitzt Robin an seinem Rechner und remixt Lieder von Adel Tawil. Der Song geht sofort durch die Decke und erreicht 400.000 Views. Kurz darauf wird der Song gesperrt, da Robin nicht die Zustimmung von Adel Tawil hatte. „Die Vorstellung, dass er meinen Remix gehört hat, war schon krass.“

 

Robin ist jetzt nicht mehr zu stoppen, er zieht sein letztes Schuljahr durch, schafft seinen Abschluss und legt mit 17 Jahren richtig los. Eigentlich wäre er noch schulpflichtig gewesen aber seine Mum unterstützt ihn und überzeugt sogar die berufsbildende Schule von Robins Selbständigkeit und seinem Ehrgeiz den eigenen Weg ins Musikbusiness zu gehen.

 

Jetzt hat er endlich Zeit sein Netzwerk auszubauen und arbeitet mittlerweile auch international mit anderen Künstlern zusammen, wie z.B. Mastiksoul – der in Portugal ein richtiger Star ist. So entstand in Zusammenarbeit der Track I am changing mit Mastiksoul und keiner geringeren als Amanda Wilson, die gerade mit Tim Berg (Avicii) ihren Hit Seek Bromance hatte. I am changing schoss direkt von 0 auf 5 der portugiesischen iTunes Electronic Charts und erschien auf der Kompilation TOP OF THE CLUBS VOL. 62 bei Kontor Records.

Ein halbes Jahr später veröffentlicht Robin unter seinem echten Namen Robin Knaak (und nicht mehr als Ebbyman) seinen ersten eigenen Track: One Day, der auf der Kompilation about:berlin vol: 8 von Universal Music erscheint. Auch der Track schießt direkt in die Charts – nach gerade mal 1 (!) Stunde ist er in den deutschen iTunes Electronic Charts auf Platz 27 und schafft es in Deutschland, Österreich und Schweiz in die Top 5.

„Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich die iTunes gecheckt hab, um zu schauen, ob bei dem Song schon was geht. Und dann das…Junge! Mich hats echt vom Stuhl gehauen. Das war für mich ehrlich gesagt unbeschreiblich.“

 

Im März 2016 schlägt Robin ein neues Kapitel auf, von Deep House gehts zu Tropical House und er spielt jetzt mit organischen Sounds die selten in dieser Form eingesetzt werden und veröffentlicht seine erste EP Tonight. Der Titeltrack Tonight wird für Robin ein Riesenerfolg: Der Track kommt auf die about:berlin vol:14, erreicht 1,6 Mio. Streams allein auf Spotify und chartet in die Top 10 der Viral Charts bei Spotify in Deutschland, Frankreich, Spanien und Argentinien.

 

2017 entdeckt Robin zum ersten Mal den Künstler Kingsley Q und ist total beeindruckt von seiner großen Vocal Range und seiner warmen, klangvollen Stimme, die direkt unter die Haut geht. (sic!) Er schreibt ihn an und fragt, ob er seinen Song Tell it to my face remixen darf. Er darf! Kingsley ist sofort begeistert. Die beiden harmonieren so gut, dass Kingsley bei Robins neuer Single Come to paradise gefeatured wird. Der Song chartet direkt in die Top 50 der Amazon Dance & Electronic Charts.

 

Es ist wie in der Achterbahn, du kommst an und möchtest direkt nochmal fahren. Mach mal auf Repeat! Ab in den Sonnenuntergang, unterwegs zum nächsten Drop.

Nächster Stop: Santa Monica Beach, Pacific Park.

 

 

Saskia Rienth im Gespräch mit Robin Knaak

November 2017

FOUGUE - Biographie

“Now you’re walking around in my heart, in my soul, in my dreams”

 

Rau, mitreißend, wild und voller Elan - das ist FOUGUE, “Fug” gesprochen und bedeutet auf Französisch soviel wie Schwung. Wenn der Sänger auf seinen Namen angesprochen wird, beginnen seine Augen zu leuchten und ein Bild eröffnet sich: “Ich seh ein schwarzes, kräftiges Pferd, was über ein großes Feld galoppiert und dabei völlig frei ist. Dieses Bild erlebe ich sehr oft in mir, verbunden mit dem Willen durchzubrennen und etwas in Bewegung zu setzen.” Diese Art zu leben, immer in Bewegung zu sein, spiegelt sich in FOUGUES Musik wieder.

 

Seine Stimme steht im Vordergrund: Voluminös, einnehmend und voller Seele. Rund um diese Stimme orchestriert sich eine Armada von passenden Instrumenten und Klangfarben: Große bis himmlische Chöre, Rhythmen die klatschen, schnipsen und einen dröhnenden Bass-Kick vereinen, Bläser düster oder fetzig und elektronisch getriebene Bässe, die den ganzen Körper zum Vibrieren bringen: Mal dezent - mal In Your Face!

 

“Car le cheval que je monte me ressemble bien trop bien

C’est la fougue qui l’emporte et la rage de vivre s’en de fou”

                                                                                       “Denn das Pferd, das ich reite, ähnelt mir sehr.

                                                               Der Schwung reißt es mit und die Wut des Lebens befreit es.”

 

Hinter FOUGUE steckt Florian, 26, seine Locken zotteln momentan in Berlin herum. “Meine Haare waren schon immer ein großes Thema, ich werde immer wieder darauf angesprochen. Ich hab längere lockige Haare und wenn ich auf der Straße bei viel Wind herumlaufe, dann bewegen die sich von links nach rechts. Eigentlich wie die Mähne eines Pferds.” So sind seine Haare zum Erkennungsmerkmal geworden (“Das ist der Lockenkopf!”) und auch sein Lachen: “Du bist doch der Typ, der immer so laut lacht?” 

 

“Sa crinière sur la crête se balance dans le vent

Au rythme de son coeur gitan” 

                                                          “Seine Mähne schwingt auf dem Bergkamm im Wind hin und her

                                                                                                                   Zum Rhythmus seines Gypsy Herzens”

 

FOUGUE ist am wunderschönen Lac de la Gruyères aufgewachsen, irgendwann in seiner Kindheit wurden große Massen an Wasser in Bewegung gesetzt, die sich so langsam aber sicher in große Wellen auftürmen und bis heute auf dem Strand seines Bewusstseins immer wieder ein Geschenk hinterlassen. Die Wellen bringen Botschaften aus seinem Unterbewusstsein in Form von Liedern, gemalten Bildern, Texten, Arrangements, Melodien, Fotografien, ganze Chöre werden auch angespült, manchmal findet der Künstler fünfzig Trompeten am Strand und spürt den Drang etwas Neues damit zu erschaffen. Er weiß nie was angespült wird, weiß aber immer warum. 

Mit den Wellen kommen sämtliche musikalischen Facetten in sein Leben. In deren Klang sind hörbare Einflüsse aus Jazz, Blues, Pop, Soul und seiner ersten Liebe dem Gospel zu hören. Die Lieder sind mehrheitlich auf Englisch aber auch auf Deutsch, Schweizer Deutsch und Französisch. Der Ursprung liegt darin, dass FOUGUEs Familie mütterlicherseits ihre Wurzeln in ganz Europa hat, wie zum Beispiel in Italien und Spanien.

 

“Dreh den Film zurück, dreh den Film zurück

Das Kopfkino geht weiter”

 

Das erste Mal als FOUGUE auf den Klavierhocker kletterte, war er gerade Mal drei Jahre alt. Mamma Fougue erzählt „Was besonders für mich war, dass er nicht nur herumgeklimpert hat, sondern schnell anfing, Melodien zu suchen.” Diese Suche nach Melodien hat sich mit den Jahren intensiviert und wurde zu einer Notwendigkeit. Der kleine FOUGUE merkte irgendwann, dass er ans Klavier ging wie zum Therapeuten und er sich durch seine Musik bemerkbar machen konnte. Mit sechs begann er klassischen Unterricht zu nehmen. “Dabei hat sich meine Mutter dafür eingesetzt, dass meine Lehrerin mir genug Freiheiten ließ. Sie meinte, falls ich mit dem Improvisieren aufhören sollte, nimmt sie mich aus dem Unterricht.” Schon bald begann FOUGUE seine Stimme zu gebrauchen und imitierte dabei die Gospel-Stimmen, die er in Sister Act zum ersten Mal gehört hatte. “Ich hab das sofort in englischer Lautsprache gemacht, heute würde ich das als Yoghurt English bezeichnen.” 

 

Mit 14 hat er zum ersten Mal auf der Bühne gesungen. Ich trug zusammen mit einem Kumpel “Georgia On My Mind” von Ray Charles so wie eine eigene Komposition vor. Die Reaktionen der Leute auf meinen Auftritt waren für mich überwältigend: “Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal richtig gehört zu werden!” 

Das Englisch ist als Hauptsprache für seine Songs geblieben, das Yoghurt längst weggefallen. Dazu hat Jahre später auch ein einjähriger Neuseeland-Aufenthalt geführt.

 

“Look out for a sign

In the silence of the moment

In the eye of the storm”

 

«Ich hatte ein Riesenglück mit meiner Gastfamilie. Der Vater dort war extrem musikalisch und hat mir sein Tonstudio und alle seine Instrumente zur freien Verfügung gestellt. So konnte ich Musizieren wann immer ich Lust dazu hatte. Und ich hatte viel Lust dazu! Außerdem habe ich dort an einem Songwriting Workshop teilgenommen bei dem mir das erste Mal das Handwerk gezeigt wurde.” Zum Abschied hat er von seinem Gastvater sogar eine von seinen 9 Gitarren geschenkt bekommen. „Die hab ich natürlich noch.“

Wieder Zuhause in der Schweiz nahm er Gesangsunterricht, sowie zwei Jahre Jazz Klavier Unterricht. “All die Akkorde, die ich immer gespielt habe, die sich so gut anfühlten, haben plötzlich einen Sinn gemacht. In der Zeit hab ich all das theoretische Wissen erfahren, was ich mir über die Jahre zuvor autodidaktisch angeeignet habe.” So gestärkt und bestätigt war FOUGUE reif für die Bühne.

 

„Open one door, open two doors

you will go explore the landscapes of my heart“

 

Im Oktober 2014 erschien die Debüt EP «Landscapes Of My Heart». Diese EP soll verschiedene  Herzenslandschaften von FOUGUE aufzeigen. Canyons, Sonnenuntergänge, Stürmische Gewässer, und ein Ertrinken zwischen zwei Inseln, bis er die Sterne unter Wasser sieht, wieder auftaucht und weiterkämpft. FOUGUE zeigt mit dieser EP sein Talent mit vielen Farben und Stimmungen. Dafür hat er auch selbst das Cover gemalt: Eine 3m x 6m große Malerei, die die Landcapes Of My Heart darstellen. Wie die unterschiedlichen Farben auf der Farbpalette eines Künstlers zeichnet er mit seiner Musik verschiedene Gemütszustände.

Mit dieser EP wurde die Tür zu den Herzenslandschaften von FOUGUE aufgestoßen, die sich seit dem nie wieder schliessen ließ. Die kommenden Alben werden daher auch nach Kapiteln aus „Landscapes Of My Heart“ genannt. 

 

“I’m not ready to stop because

I’m on my way 

I’m on my way”

 

Aktuell arbeitet FOUGUE an seinem Debütalbum, welches 2018 veröffentlicht werden soll. Alle seine bisher komponierten Songs nimmt er akribisch unter die Lupe - nur die besten kommen auf die Platte. Er klingt rauer, mitreißender und wilder als je zuvor. 

 

“Tu verras on l’entend de loin

Sa crinière s’enlace autour de tes deux mains

Il te tient"

                                                                                           "Du wirst sehen, man hört ihn von ganz weit

                                                                                               Seine Mähne feßelt sich um deine Hände

                                                                                                                                             Er hält Dich"

 

 

Saskia Rienth im Gespräch mit FOUGUE,

September 2017

MIRICALLS - Biographie

 „Die Welt ist voller Wunder und es liegt an dir, ob du sie siehst.”

 

Nach der Autobahnbrücke geht rechts ein kleiner steiniger Feldweg ab, hier fängt Miris Fahrrad immer an zuklappern. Die Bäume rauschen, die Vögel zwitschern und langsam verstummt das laute Getöse der Autobahn. Hinter den verwachsenen Schrebergärten und der großen Hecke liegt Miris „Geheimort, den sonst niemand kennt”. Das ist der Ort, an dem MIRICALLS ihre Songtexte schreibt - „Schreiben ist wie ein Ventil für all die Gedanken. Wenn der Kopf zu voll ist, dann muss es einfach raus und das am besten so schön wie möglich.”

 

Zuhause in ihrem Zimmer schlägt sie ihr kleines Notizbuch auf und blättert durch ihre Gedanken. „Manchmal fühlt es sich an, wie ein langes Telefonat mit einem Freund.” Aus Worten und Sätzen werden Melodien und Rhythmen, die dann später im Studio eingespielt werden. Der Musikproduzent Daniel Walt arrangiert und produziert ihre Songs. „Das Herausstechende an den ganzen Produktionen ist, dass Musik und Stimme ineinander verfließen. Es stecken gefühlt 1000 Details drin.” Gemeinsam haben sie die letzten vier Jahre an Miricalls geschliffen und zu dem gemacht, was sie heute ist. „Der Sound von Miricalls klingt für mich wie ein Cocktail aus Florence + the Machine, Adele und Woodkid.” Besonders nachts entfaltet sich die volle Kreativität der beiden und so wird schon mal bis in die frühen Morgenstunden getüftelt. „Das Geniale an Miri ist, sie ist musikalisch so wandelbar wie ein Chamäleon, mal episch, mal groovig, mal emotional und doch bleibt sie unverwechselbar.”

 

„Eigentlich begann alles mit meinem Opa”

Miris Liebe zu Streichinstrumenten wurde im Alter von 6 Jahren im klassischen Cellounterricht entfacht. „Mein Papa ist Geigenbauer. Musik war somit von der ersten Sekunde meines Lebens an da.“ Mit 12 Jahren schreibt sie die ersten Songs und begleitet sich dabei an der Gitarre. Drei Jahre später bringt sie sich das Klavierspielen bei und nimmt Gesangsunterricht. Von ihrem Opa hat sie nicht nur die Liebe zur Musik geerbt, sondern auch die Leidenschaft des Zeichnens. Opa Helmut ist auch Geigenbauer. In seiner Werkstatt hat Miri früher viele Stunden verbracht. Hier riecht es nach Holz und an den Wänden hängen viele Werkzeuge, wie bei Meister Eder. Der Boden ist übersät mit Holzspänen und auf der Werkbank stehen neben den Geigen ein paar Pinsel im Glas.

 

Durch ein Fenster scheint die Sonne direkt auf das weiße Blatt. Acryl- und Aquarellmalereien, sowie Kohle- und Bleistiftzeichnungen sind hier entstanden. Heute entstehen hier Miris Songskizzen. Opa Helmut ist sogar berühmt: „eine seiner Geigen hängt im Geigenbaumuseum, weil er den internationalen Geigenbauwettbewerb gewonnen hat,“ darauf ist seine Enkeltochter richtig stolz. „Wäre ich klassische Cellistin geworden, hätte ich viele Kontakte gehabt” sagt sie und muss dabei lachen. In der Popwelt fing sie ganz bei Null an. 

 

„Vor meinem ersten Konzert mit Band war ich total nervös und wollte, dass es ganz schnell rum geht. Aber als ich dann auf der Bühne stand, da wollte ich, dass der Moment nie zu Ende geht.” Bei genau diesem Konzert begann die Reise mit ihrem treuen Begleiter - ihrem Mantel - Altrosa und aus New York. Mittlerweile hängt er neben vielen weiteren „Miricalls Mänteln“ aus der ganzen Welt. „Ich bin froh, wenn ich einen entdecke, der mir gefällt.” Den passenden Mantel zu finden ist nämlich gar nicht so einfach: Extravagant, elegant und ein kleines bisschen zu groß sollte er sein. „Da bewegt man sich ganz anders drin. Ich werde auf eine gewisse Art von meinem Mantel beschützt und fühle mich so im Studio oder auf der Bühne viel wohler.”

 

Genießen, Kopfnicken und Mitsingen - die Stuttgarterin begeistert ihre Zuhörer und nimmt das Publikum voll mit. „Am Ende waren meine Hände ganz rot vom Klatschen.“ Miri gibt jedem die Chance, ganz in die Songs einzutauchen und das „Drumherum“ für einige Zeit auszuschalten. „Der eine ruhige Song, da konnte ich gar nicht anders. Ich hab einfach meine Augen zugemacht, so berührend war das.” Es sind die ruhigen Balladen, bei denen es im Publikum ganz leise wird. „Sie hat ihren eigenen Stil des Geschichtenerzählens gefunden, der sich perfekt mit ihrem tiefen, sanften, persönlichen Timbre verbindet.“ Jeder Auftritt hat seinen ganz eigenen Charme. Bei gemütlichen Konzerten im vertrauten Wohnzimmer sind die Plätze auf dem alten Dielenboden sofort besetzt.

 

Hier kommt Miri einfach nur mit ihrem Gitarristen vorbei. Ein Highlight sind aber immer wieder die Events mit der 9-köpfigen Band. Vor allem, wenn alle mit einstimmen und gemeinsam singen: „Dare to be you!“ Ein echter Ohrwurm, der Mut macht, noch mehr „man selbst“ zu sein. Genau deswegen bekam die erste EP diesen Namen.

 

Saskia Rienth im Gespräch mit Miricalls, Juli 2017

Joris - Biographie

Bittersüße Sehnsucht und schmerzlich schöne Melodien, Joris schreibt Musik, die auf eine bezaubernde Art hoffnungslos hoffnungsvoll ist. Seine Stimme ist unglaublich ausdrucksstark und gefühlvoll: Mal laut und kratzig, dann wieder zerbrechlich und sanft.  Er kombiniert englischen Sound mit starken deutschen Texten. „Ich seh mich als Geschichtenerzähler und die Musik als Vermittler für meine Geschichten, die ich selbst erlebt habe oder die mich inspirieren.“

 

Seine Füße am Boden, der Kopf in den Wolken. Joris vereint die größten Kontraste in einer Person: „Ich bin ein Gefühlsmensch und dann wieder total verkopft.“ Er vermisst im Winter die Wärme und im Sommer den Schnee. Die Ursprünge liegen wahrscheinlich bei seinen Eltern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: 

 

Der Vater arbeitet als Kinderarzt rund um die Uhr und hat wenig mit Musik zu tun, von ihm hat Joris den Ehrgeiz und die Liebe zur Arbeit. „Ich bin da mittlerweile sehr wie er, und stürze mich auch 24/7 in die Arbeit.“ 

Die Mutter bringt das musikalische Element mit, sie spielt Querflöte und singt im Chor. Von ihr hat Joris auch eine große Portion Einfühlungsvermögen und ein gutes Gespür für Emotionen mit auf den Weg bekommen.

 

„Habe noch so viel zu sagen, indes finde ich kein Wort

ich will doch nur noch nach Hause und es trägt mich weit fort“

 

Joris ist auf dem Land Zuhause. In Stuhr bei Bremen geboren, und in Vlotho bei Bielefeld aufgewachsen. Vlotho ist eine Kleinstadt mit gerade mal 20.000 Einwohnern (Nachbargemeinden eingerechnet!) hier gibt es schöne Fachwerkhäuser, kleine Berge und vor allem viele Bäume. Wenn er über seine Kindheit spricht bekommt er leuchtende Augen: „Da war die ganze Welt voll Fantasie.“

 

Mit 5 Jahren kam die Musik in sein Leben. Seine Eltern schenkten ihm zu Weihnachten ein Schlagzeug: „Da hab ich das erste Mal geweint vor Glück, das weiß ich noch. Das ist bis heute das schönste Weihnachtsgeschenk das ich je bekommen hab.“ 

 

Zwei Jahre später „lernte“ Joris Klavierspielen beim Onkel gegenüber. „Ich war nie vorbereitet, habe nie Noten gelernt, aber ich habe es geliebt, wenn er improvisierte und mir etwas vorspielte. Während die Noten tot auf Papier lagen, entfachte das Intuitive plötzlich ein Feuer in mir.“ Es dauerte nicht lange, bis Joris das Komponieren für sich entdeckte: 

 

„Ich hab meinen ersten Song tatsächlich für Emma Watson geschrieben! Ich war damals total verliebt in sie. Ich hab sogar überlegt, wie ich ihn ihr schicken kann.“ Joris ist zu der Zeit gerade mal 11 Jahre und hat sich alle Vokabelhefte zusammengesucht, um seinen ersten Text auf englisch zu schreiben, damit Emma ihn auch verstehen könne. „Ich weiß auch noch wo der Text liegt, der liegt bei meinem Klavier zu Hause.“ sagt er amüsiert. „Da sammle ich all meine Skizzen. Den müsste ich eigentlich mal wieder rauskramen…“ 

Da er keinen Weg fand ihr den Song zukommen zu lassen wollte er ihn wenigstens beim jährlichen Weihnachtskonzert zum Besten geben. Die Musiklehrerin versuchte es charmant: „Warte mal lieber noch ein Jahr. Dann wird es noch besser klingen.“ Es lag wohl am Stimmbruch…

 

„Wenn ich nicht Musik mache, mach ich Musik“

 

Nach dem Abitur zog es Joris nur noch weit weg von Zuhause. Er studierte zwei Semester Ton- und Musikproduktion an der Hochschule der populären Künste in Berlin bevor es ihn weiter an die Popakademie Baden-Württemberg nach Mannheim trieb. Hier konnte er sich musikalisch austoben und sein Talent ausleben. Er schrieb Songs, Texte und lernte nach und nach seine komplette Band kennen.

 

Nebenbei jobbte er als Backliner für andere Bands und erlebte riesige Konzerte in den tollsten Venues mit großartigem Publikum und fantastischen Livebands. „Ich hab da sau viel gelernt, aber wenn du immer nur an der Seite der Bühne stehst und die Gitarren hochbringst, ist das auf Dauer natürlich unglaublich frustrierend.“

 

Seit Februar 2014 ist Joris in Berlin im Studio und arbeitet mit den Produzenten Ingo Politz, Mic Schröder und seiner Band an seinem ersten Album. Im Frühjahr 2015 soll es endlich soweit sein.

 

„äußerlich 15, innerlich 35“

 

Joris’ eigentliches Alter liegt da irgendwo in der Mitte. Es ist schon außergewöhnlich, wie viel der Mann drauf hat: Er singt, spielt Gitarre, Klavier, Schlagzeug, schreibt Texte, komponiert, produziert und verhandelt sogar seine Verträge selbst. Joris weiß einfach ganz genau was er will. 

Zwischendurch bleibt er immer wieder stehen und beobachtet sich und die Welt. „Ich bin viel zu selten glücklich, mit dem was ich habe und versuche deshalb mehr und mehr mir der schönen Dinge um mich herum bewusst zu werden.“

 

„Wenn’s am Schönsten ist

und du nichts mehr vermisst

dann mach die Augen auf!“

 

Saskia Rienth im Gespräch mit Joris,  November 2014 

 

Joris - Album Musiktext "Hoffnungslos Hoffnungsvoll"

 "Hoffnungslos Hoffnungsvoll

Ungeschminkt statt aufgebrezelt, das Debütalbum von Joris klingt ehrlich und so herrlich  unaufgeregt aufgeregt. Echte Instrumente, warmer analoger Sound und eine Stimme die ins Herz geht. Diese musikalische Leichtigkeit kombiniert mit dem erdigen Sound macht das Album so besonders.  

 

„So würde man’s eigentlich nicht machen… super, machen wir so!“

Mehr als eineinhalb Jahre haben sich Joris und Band Zeit gelassen um am Debütalbum zu basteln. Zusammen mit dem Produzententeam um Mic Schröder ließen sie ihrer Kreativität freien Lauf und probierten immer wieder Neues aus. So wurden Weingläser mit Wasser gefüllt, ein Schlüsselbund geworfen und großer Wert auf analogen Sound gesetzt. „Ich bin frisch verliebt in das, was ich hier gerade machen darf! Ich fange ja gerade erst an, habe viele Songs geschrieben und das Album jetzt erst abgeschlossen. Ich bin noch voller Ungewissheit wo die Reise hingeht, aber gleichzeitig voller positivem Antrieb und Energie“ schwärmt Joris, „deswegen auch Hoffnungslos Hoffnungsvoll als Albumtitel.“ Das Album ist musikalisch anspruchsvoll, bleibt aber durch die eingängigen Melodien und starken Texte für jeden Hörer erreichbar. Man spürt, wie viel Liebe zum Detail und Herzblut hier festgehalten wurde.

In dem gleichnamigen Song Hoffnungslos Hoffnungsvoll beschreibt Joris das konträre Gefühl, vom frisch verliebt - und gleichzeitig dem Anderen komplett ausgeliefert sein. Das was einen hoffnungsvoll, aber gleichzeitig auch ein wenig hoffnungslos macht. „Dazu kann ich euch die lustigste Geschichte des Albums erzählen,“ sagt er grinsend „Ich hab den Song mit einem Kumpel geschrieben und wir haben damals gedacht: Boah jetzt hauen wir mal voll auf die Kacke und schreiben ganz dreckig direkt über Sex. Zwei Wochen später haben wir uns den Song angehört und haben uns kaputt gelacht, weil man nur mit sehr viel Fantasie erkennt, worüber ich da singe.“

 

Gegensätze ziehen sich an

„Mir ist irgendwann klar geworden, dass es in meinen Texten und in meinem Leben immer wieder um Gegensätze geht und es immer um ein Verhältnis zwischen Lebensfreude & Trauer, zwischen Entschiedenheit & Unsicherheit geht und gehen wird“ stellt Joris fest. Diese Gegensätze ziehen sich sowohl textlich als auch musikalisch wie ein roter Faden durch das Album, so auch in Herz über Kopf. „Ich selber hatte schon ganz oft diese Thematik: Denk ich jetzt mit dem Kopf oder mit dem Herzen, aber ich bin in vielem eher ein Herz-Mensch.“ Herz über Kopf beschreibt das bewusste Eingehen von Fehlern und den Luxus auch mal das Herz entscheiden zu lassen. „Der Song ist für mich von einer »HassLiebe« inspiriert – man kann nicht mit, aber auch nicht ohne einander. Ich hatte schon viel zu oft diese Situation, dass ich das Bereuen getrost auf morgen verschoben habe.“ Passenderweise ist der Song schon in einer „Herz“-Situation entstanden, wie Joris es beschreibt: „Wir haben den Song spät in der Nacht geschrieben bei Wein, fettiger Pizza, dichtem Zigarettenrauch und Kerzenschein.“

 

Joris’ Stimme ist einfach außergewöhnlich: Mal klingt sie rauchig und kratzig, im nächsten Moment wieder ganz emotional und sanft. Man muss dieser Stimme einfach zuhören und klebt früher oder später an seinen Lippen. Vor allem bei den ruhigeren Liedern, wie bei Im Schneckenhaus bekommt der Hörer tiefe Einblicke in Joris Charakter. „Ich bin zu Weilen ein sehr perfektionistischer Mensch und nörgle an Nichtigkeiten des Lebens herum. Aber dann gab es plötzlich mehrere Todesfälle in meinem familiären Umfeld und das hat mich wieder ein wenig wach gerüttelt und mir gezeigt, dass es so viel Wichtigeres im Leben gibt! Denn das Leben an sich sollte überwiegend schön und voller Freude sein,“ findet Joris. Dieses Lied ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Augenöffner. Das Schöne ist omnipräsent, wir müssen nur die Augen öffnen, um es zu sehen.

Auch bei Sommerregen steht das Schöne im Fokus, einfach mal den ganzen Alltagsstress abperlen lassen und aufs Leben anstoßen – so wird die Melodie des Songs auch mit Weingläsern gespielt. „Der Song verbindet mich mit meiner tiefen Sehnsucht zum Mal-Loslassen-können, endlich mal wieder im Regen tanzen und die Augen zu machen.“ 

 

Joris versucht auch bei allem Negativen im Leben das Positive zu sehen und hervorzuheben. So ist Bis ans Ende der Welt zwar einer der inhaltlich schwersten Songs des Albums, aber für Joris ist es wichtig, dass wir uns im Positiven an Menschen zurückerinnern: „Den Song habe ich für meinen besten Freund geschrieben. In der 7. Klasse ist sein Vater an Krebs gestorben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm es ist, so früh seinen Vater zu verlieren, aber ich weiß ich würde mir wünschen, dass man ihn nie vergisst. Deswegen diese symbolische Reise, auf der man bis an jeden Ort an die Person erinnert und von ihr erzählt.“ 

 

Joris’ Musik ist unglaublich vielschichtig. Je öfter man sie hört, desto mehr entdeckt man, so auch bei Schnee: „Schnee hat diese Mischung aus kalter Elektronik durch das Schlagzeug und großer weiter Welt durch den sphärischen, warmen Gitarrensound. Die Akkordfolge habe ich einfach nie aus dem Kopf bekommen, die brennt mir immer auf der Seele.“ Dieser Song ist nach einer sehr langen Beziehung entstanden. „Ich bin emotional leider manchmal sehr inkonsequent. Der Song beschreibt für mich dieses schmerzhafte Auftauen nachdem man eine lange Zeit über völlig taub vor Verlust war. Das tut auf der einen Seite gut endlich überhaupt wieder etwas fühlen zu können, auf der anderen Seite aber auch unglaublich weh das Scheitern akzeptieren zu müssen: Du bleibst ein Teil von mir, doch der Teil liegt hinter mir....“ 

 

Hoffnungslos Hoffnungsvoll ist ein sehr emotionales Album, das den Hörer berührt, nicht nur wegen Joris' unglaublicher Stimme und der großartigen Musik, sondern auch wegen seiner wunderschönen Songtexte. „Ich glaube, deutsche Texte zu schreiben ermöglicht einem eine weitere, tiefere Ebene, denn die Leute können so tatsächlich jedes Wort verstehen. Das ist sowohl Fluch als auch Segen, da ich es auf der anderen Seite an englischer Musik liebe, dass man sich komplett in der Musik verlieren kann, ohne ständig zu denken »warte mal, was hat er da gerade gesagt?« Ich empfinde das aber als große Herausforderung und bin mir sehr sicher, dass ein Spagat aus beidem möglich ist.“ Festzuhalten bleibt: Es gelingt Joris trotz deutscher Texte irgendwie international zu klingen und seine  Botschaft kommt an: Komm wir drehen auf, komm wir leben laut!"

 

Saskia Rienth im Gespräch mit Joris, Februar 2015